PEREGRINI ARNSTEIN

Freunde mittelalterlichen Kloster- und Pilgerlebens

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PRESSESTIMMEN

Artikel vom 27.4.2010 RLZ (pdf)

OBERNHOF/ARNSTEIN. Die Choralschola erklingt zum Synthesizer, eine Exkursion führt nach Hessen, eine theologische Betrachtung dreht sich um das Ohr und mithilfe einer speziellen Gesangstechnik vermittelt ein Solist den Eindruck der Mehrstimmigkeit.

Derartige Grenzüberschreitungen gehören zum Programm einer achtteiligen Veranstaltungsreihe im Arnsteiner Kloster, die vom Kultursommer Rheinland-Pfalz gefördert wird, dessen Motto in diesem Jahr „Über Grenzen“ lautet. Auch der Titel der Reihe bezieht sich auf eine Grenzüberschreitung: die Menschwerdung Gottes in der Gestalt Jesu. Die in lateinischer Sprache als "conceptio per aurem" bezeichnete Vorstellung, die Empfängnis des Gottessohnes sei durch das Ohr geschehen, gibt den Veranstaltungen den Titel. Seit mindestens 1000 Jahren gibt es zudem künstlerische Darstellungen der Evangelisten, wie sie über das Ohr die göttliche Eingebung empfangen. Die "Empfängnis durch das Ohr" macht deutlich, dass der Mythos selbst oder das Hören im Mittelpunkt der Vorträge, Lesungen, Mysterienspiele und Konzerte steht.

Der Nocherner Theaterwissenschaftler Diethelm Gresch, der im vergangenen Jahr eine viel beachtete Faksimile-Ausstellung mittelalterlicher Handschriften im Arnsteiner Kloster organisiert hatte, hält auch diesmal die Fäden in der Hand – doch nicht alleine. Die junge Wissenschaftlerin und Kirchenmusikerin Dr. Inga Behrendt teilt sich mit ihm Organisation und künstlerische Leitung. Der Titel der Veranstaltungsreihe geht auf Behrendt zurück. „Das Thema hat mich schon in meiner Studienzeit in Graz begleitet“, sagt die junge Frau, die nach Abschluss ihrer Promotion nach Obernhof zog.

Die "conceptio per aurem" steht im Mittelpunkt der Auftaktveranstaltung am 1. Mai (siehe auch Veranstaltungskalender auf dieser Seite). Behrendts Doktorvater Prof. Dr. Franz Karl Praßl, u.a. Mitglied der Kommission zur Herausgabe des neuen deutsch-sprachigen katholischen Gesangbuches "Gotteslob", führt kenntnisreich ins Thema ein. Ein geistliches Konzert mit Gregorianischem Choral – dem Spezialgebiet der jungen Wissenschaftlerin Behrendt, die die Schola Uncinus leitet – schließt sich an.

Würzburger Marienkapelle; mit freundlicher Genehmigung von Congress-Tourismus-Wirtschaft Würzburg
Würzburger Marienkapelle
Bildnachweis: Congress-Tourismus-Wirtschaft Würzburg


Die bildliche Darstellung der Empfängnis durch das Ohr kann den Betrachter durchaus zum Lachen bringen. Vom Mund Gottes reicht eine Art Schlauch, auf dem das Jesuskind hinunter gleitet, zum linken Ohr Marias. „Es sieht aus wie eine Rohrpost“, sagt Behrendt, die einst junge Menschen in Uni-Seminaren unter anderem mit einem Relief über dem Nordportal der Würzburger Marienkapelle konfrontierte und just diese Reaktion erntete. „Doch was so banal anmutet, hat Tiefgang“, sagt Behrendt und verspricht „ganz tolle theologische Inputs“. Diese können durchaus als Überschreitung von Grenzen betrachtet werden, wie Behrendt meint. Beispielsweise der Gedanke, das Christus, der Schöpfer, selbst die Krone der Schöpfung wird. „Als Musiker ist man von der Idee der Empfängnis durch das Ohr sowieso gleich angesprochen“, ist Behrendt überzeugt.

Mit der Veranstaltungsreihe setzen Gresch und Behrendt fort, was mit der Faksimile-ausstellung 2009 seinen erfolgreichen Anfang nahm: Sie bieten Wissenschaft und Kultur auf höchstem Niveau im ländlichen Raum. Durch ihre Forschungs- und Lehrtätigkeit u.a. an der Essener Folkwang-Hoschule sowie ihr Wirken als Musikerin hat Behrendt Kontakte zu vielen hochrangigen Experten ihres Fachs. Die erst 32 Jahre alte Chor-Regentin der Kiedricher Chorbuben, Simone Pannes, ist als erste Frau in der 675-jährigen Geschichte des Chorstifts ebenso dabei wie Wolfgang Saus, Experte für Obertongesang, und die Kunsthistoriker Prof. Dr. Martina Pippal und Prof. Dr. Eberhard König. „Die kommen alle gerne nach Obernhof, weil es hier so schön ist. Sie machen hier einen Kurzurlaub und geben ein Konzert oder halten eine Vortrag.“ Sie selbst habe seit ihrem Umzug an die Lahn die Erfahrung gemacht, das ihr die Stille gut tut. „Ich habe viel zu lange in Städten gelebt“, sagt Behrendt, die im Ort eine Choralschola leitet und von Herzen darüber freut, dass darin Menschen sehr unterschiedlicher Herkunft und Vorkenntnis miteinander singen. Dass auch die Kultursommer-Veranstaltungen offen für jedermann sind, ist den Organisationen genauso wichtig. Deshalb ist der Eintritt frei und die zahlreichen Gesänge in lateinischer Sprache werden auf Deutsch gelesen oder besser vorgetragen. Denn auch dabei soll dem Ohr geschmeichelt werden.

 

Das rund 900 Jahre alte Kloster Arnstein steht nicht nur als Veranstaltungsort im Mittelpunkt der Veranstaltungsreihe. Eine Exkursion mit Dr. Behrendt ins Hauptstaats-archiv in Wiesbaden wird über mittelalterliche liturgische Handschriften aus Arnstein informieren. Zudem haben einige Konzerte und Vorträge starken Bezug zur Region um Arnstein. So gehören zu den Referenten beispielsweise der Prof. Dr. Eckhard Nordhofen und Martin W. Ramb aus dem Referat Bildung und Kultur des Limburger Bistums, der Schönborner Musiker Matthias Frey, der aus Singhofen stammende Sänger Fabian Hemmelmann sowie der Heimatforscher Gerhard Schäfer aus Dausenau. In Dausenau übrigens geht es ganz bildlich noch einmal um die „conceptio per aurem“. In der St. Kastorkirche, deren Turm in etwa so alt ist wie das Arnsteiner Kloster, zeigt ein Gemälde am Marienaltar die Empfängnis des Christuskindes durch das Ohr. (crz)

Dausenau Verkündigung
Verkündigungsbild in Dausenau

artikel 2.5.2010

artikel 5.5.2010


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